Wo kein Klischee mehr passt
Vergessen Sie Tacos und Mariachi-Musik. Die sind im südlichen Mexiko - dort, wo Nordamerika längst zu Mittelamerika geworden ist, ähnlich exotisch wie bei uns daheim.
Die Feuchte der Nacht steigt als Nebel hoch, hüllt den dichten Urwald in fahles Licht. Schreie wie nicht von dieser Welt zerreißen die Stille. Gott Sei Dank wissen wir, dass das die Brüllaffen sind, die sich vor dem Frühstück die Kehle frei machen, sonst hätten wir am Ende noch Angst vor den seltsamen und lauten Schreien. Die Morgensonne reißt Löcher in die dampfende Wand, schält die Pyramiden aus dem watteweichen Dunst und schärft ihre Konturen.
Versunkene Städte
Wie verwunschen liegt die alte Maya-Stadt Palenque im Dschungel, die ihre Blütezeit hatte als bei uns in Europa frühmittelalterliche Verhältnisse herrschten. Danach wurde sie verlassen und vom tropischen Urwald überwuchert. Das Moos, das die alten Mauern überzieht, die Wurzeln, die zwischen den Steinen Platz gefunden haben, das dichte Blätterdach, das sich über den Tempeln, dem Ballspielpatz und dem Palast wölbt, machen den Reiz aus, das Flair, das Palenque zu einer der größten Attraktionen Mexikos macht – bei einer wahrhaft nicht zu verachtenden Konkurrenz.
In Palenque treffen sich Globetrotter, Rundreisende und Badeurlauber zum großen Pyramiden-Staunen. Der Großteil der Besucher kehrt nach der Besichtigung in die Richtung zurück, aus der er gekommen ist: gen Nordosten an die lauen Gestade der Karibik. Der Abenteurer hat die Option, die Reise auf entgegengesetztem Weg fortzusetzen, denn Palenque ist auch das Eintrittstor nach Chiapas, dem südlichsten und buntesten aller mexikanischen Bundesstaaten.
Reisepause in der mexikanischen Bar
Nach einem Abstecher zu den Wasserfällen von Misol Ha und Agua Azul en route reiten wir in San Cristóbal de las Casas ein. Das ist zwar nicht die Hauptstadt aber mit Sicherheit die schönste Stadt des Bundesstaates Chiapas. Mitten im kolonialen Zentrum quartieren wir uns in einem dieser superadretten Gästehäuser ein, deren zeitverlorener Charme von keinem modernen Hotel übertroffen werden kann. Vorsichtshalber bestellen wir das Zimmer gleich für mehrere Nächte, denn abgesehen von der putzigen Innenstadt mit der gewaltigen Kathedrale auf der einen, dem klassen indigenen Handwerksmarkt auf der anderen Seite und den vielen Cafés und coolen Bars dazwischen, soll es hier in der Gegend viel zu sehen und zu erleben geben.
Antonio und die Fotolinse
Namentlich die indigenen Dörfer von San Lorenzo Zincantán, San Juan Chamula oder Mitontic, eingebettet in eine hügelige, mit Eichen-, Kiefern- und Zypressenwäldern bestandene Landschaft unter einem strahlend blauen Himmel. Hier sind die Tzotzils daheim, eine Untergruppe der Maya. Der schönste Anlass zu einem Abstecher sind die Wochenmärkte wie jener von San Juan Chamula. Wir buchen eine Tour mit dem Minibus, die in der Stadt alle Nase lang angeboten werden. Das hat den Vorteil, dass Guide Antonio uns davor bewahrt, ins Fettnäpfchen zu treten: „Wir Tzotzils sind zwar äußerst friedlich und Euch Fremden gegenüber sehr aufgeschlossen, ja wir freuen uns über Euer Interesse. Aber mit manchen Dingen verstehen wir einfach keinen Spaß“. Ganz konkret meint er damit der Reisenden Sucht, alles abzulichten – in dieser Hinsicht prallen hier Welten aufeinander. „Wir glauben daran, dass ein Foto unsere Seele stiehlt“, sagt Antonio ganz ernst.
Am besten, man lässt die Kamera gleich daheim, denn die Versuchung ist groß, doch einen Schnappschuss zu wagen. Und das kann ins Auge gehen: So schnell kann man gar nicht schauen, wie einem der Fotoapparat aus der Hand geschlagen wird – die guten Leute sind sehr wehrhaft, wenn es um ihre Götter geht. Selbst wenn es angesichts der Kathedrale so scheint, als hätten die Missionare gesiegt, braucht man nur reinzugehen und ist eines Besseren belehrt: Die gewaltige katholische Kirche ist bloß Fassade für präkolumbianische Traditionen, zu denen Myhrre, Kerzenrauch, Blumensträuße, ein mit Kiefernnadeln bedeckter Boden, Eier, Hühner und Schnapsflaschen zu gehören scheinen.
Herbergsuche? Hängematte!
„Zimmer? Nein, sind leider ausgebucht“, sagt die nette Maria von Jose´s Camping Cabañas. „Aber halt, Sie müssen doch nicht gehen!“ "Sagten Sie nicht, Sie hätten keinen Schlafplatz mehr?" „Nein, nein. Wir haben bloß keine Cabañas mehr – aber noch mehr als genug Platz, um die Hängematte aufzuhängen“. Wir wechseln ratlose Blicke und entscheiden uns dann dafür, es den Einheimischen gleichzutun. Maria weist uns einen überdachten Flecken Sand in der Größe von ca. zehn mal zehn Meter zu und schon beziehen wir unser neues Quartier. Hängematten haben wir längst im Gepäck, das kommt zwangsläufig, wenn man durch Mittelamerika reist. Die anfängliche Skepsis, ob sich darin wirklich eine ganze Nacht verbringen lässt, weicht der grandiosen Erkenntnis, dass man im mobilen Bett tatsächlich schlafen kann wie ein Murmeltier. Noch nicht einmal das Kreuz tut uns weh, weswegen wir das Angebot anderntags ausschlagen, in die nun frei gewordene Cabaña umzuziehen.
Siesta und Seafood
In der Hängematte zu nächtigen, passt einfach perfekt zum Ambiente Puerto Aristas: Ein verschlafenes Nest am Pazifik mit einer Reihe von wackeligen Strandhütten und einem Mangrovensumpf im Rücken. Viel mehr, als dass ein Ferkel in aufgeregten Trab verfällt, weil ein Hund die Energie aufbringt, es zu verbellen, passiert hier den ganzen Tag nicht. Wir kommen uns vor wie in einem Roman von Allende oder Márquez. Die Tage verdösen wir in der Hängematte umgeben von einem wuchernden Garten. Wir beenden sie, wie wir sie beginnen, mit erfrischenden Bädern im Pazifik, der im Licht der untergehenden Sonne wie flüssiges Gold blubbert. Zwischen den Siestas stürzen wir uns aufs köstlichste Seafood, das man sich vorstellen kann: Riesengarnelen direkt vom Grill, Ceviche – roh marinierte Meeresfrüchte als Salat, ein Klassiker der pazifischen Küche – oder Fisch im Bananenblatt gedämpft. Dazu literweise frisch gepresste Säfte aus tropischer Quelle wie Mango, Guave oder Limette. Das Ganze zu Preisen, die unser Budget nicht merklich belasten. Manchmal darf man sich auf Reisen eben auch Urlaub gönnen.
Infos Südmexiko
Einreise
Kein Visum erforderlich. Der Reisepass muss noch 6 Monate über die Einreise hinaus gültig sein.
Beste Reisezeit
Tropisches Klima – heiß und schwül – das ganze Jahr über. Am angenehmsten, weil trockener und nicht gar so heiß, sind die Monate Oktober bis April.
Impfungen
Basisschutzprogramm für alle Reisenden (Diphterie, Tetanus, Polio, Hepatitis A und B, Typhus). Malariaprophylaxe für die südlichen Landesteile sowie Choleraimpfung empfohlen.
Währung
1 Euro = 17 MXN (mexikanische Pesos)
Zeit
MEZ -6 Stunden, MESZ -7 Stunden
Strom
120 Volt, Flachstecker oder dreipolige Stecker (Adapter erforderlich)
Sprache
Spanisch, indigene Sprachen, in den Touristenorten Englisch
Info
Mexikanisches Fremdenverkehrsamt
www.visitmexico.com
Hotline 00800/11 11 22 66
Persönliche Tipps
Wer unserer beschriebenen Tour an den Pazifik folgen möchte, muss selbst aktiv werden.
Unser Vorschlag:
Anreise nach Cancún, danach Fahrt über Mérida nach Palenque und weiter nach San Cristóbal de las Casas. Von hier aus weiter über Tuxtla Gutiérrez und Tonalá (retour auf gleichem Weg) nach Puerto Arista am Pazifik – hier erwarten Sie ein ewig langer Sandstrand, in dem die Sonne flitterwochengerecht ins Meer zu plumpsen weiß, saftige Tigershrimps, Mangos direkt vom Baum und einfache Hüttenunterkünfte.
Variante, ohne Pazifik dafür mit mehr Kultur:
Von Palenque aus in einer mehrtägigen Schleife über die Laguna Miramar entlang der guatemaltekischen Grenze zu den Ruinen von Bonampak wieder nach Palenque und von dort retour nach Yucatán.
Unterwegs in Mexiko:
Machbar mit öffentlichen Bussen (z. B. www.ticketbus.com.mx; eventuell in Kombination mit Minibustouren und/oder einem Inlandsflug) oder ganz unabhängig mit dem Mietauto.
Übernachten
Hotel Villas Kin-Ha
Carretera Palenque-Ruinas km 2,7, Palenque
www.villaskinha.com.
An der Straße zu den Ruinen, umgeben von reichlich Wald. Die Vögel wecken Sie zum Morgengrauen.
Hotel Casa Margarita
Real de Guadalupe 34, Centro Histórico, San Cristóbal de las Casas
www.mundomaya.com.mx.
Die Zimmer gruppieren sich im Arkadengang um einen sonnigen Patio.
Jose’s Camping Cabañas
Puerto Arista
Einfach eintreffen und da sein. Sind die Zimmer belegt, gibts immer Platz, um die Hängematte aufzuhängen.
Angebote
Ruefa
7 Nächte im 4-Sterne-Hotel CATALONIA RIVIERA MAYA in Mexiko inklusive Flug, Taxen und Treibstoffzuschläge, Transfers ab/bis Flughafen sowie All-Inclusive Verpflegung ab 1.320 Euro pro Person im Doppelzimmer.
Reisetermin: 30.08. - 20.10.2011.
Buchbar bis 29.07.2011 unter www.ruefa.at.
DERTOUR
„Yukatan individuell entdecken“ (DERTOUR Mexiko Lateinamerika S 41)
8-tägige Mietwagenrundreise ab/bis Cancun
7 Nächte im Doppelzimmer mit Frühstück, inkl. Mietwagen Kat. Economy, Verlauf lt. Programm Anreise z.B. 20. u. 27.9.11
Preis pro Person, inkl. Flug ab/bis Wien ab € 1.785,--
Infos & Buchung unter www.dertour.at





